Muss ich mich für mein Begehren schuldig fühlen?

Ich bin verheiratet, habe mich aber vor etwa zwei Jahren in eine andere Frau verliebt. Etwas später offenbarte ich mich meiner Ehefrau und zog in eine eigene Wohnung. Doch ich schaffe es nicht, mich von meiner Ehefrau zu distanzieren. Immer wieder kehre ich zu ihr zurück. Jetzt will sie sich wegen meiner Unentschiedenheit scheiden lassen. Nun habe ich beiden Frauen Schuldgefühle gegenüber. Als Kind bin ich von einem nahen Verwandten missbraucht worden. Deshalb bin ich in Therapie. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Missbrauch noch immer meine Handlungsweisen prägt. Ich will einfach von allen gemocht werden! (Jonathan, 35)

 

Sie handeln. Und dann fragen Sie sich, ob Sie deswegen ein schlechter Mensch sind. Sie wissen, dass Sie der Situation des Missbrauchs entwachsen sind. Aber es kommt mir vor, als hätten Sie ein Problem mit Ihrem Glücksanspruch. Sexualität muss man selber erproben, als Handelnder erleben. Ihnen ist diese Möglichkeit genommen worden. Sie sind darüber hinaus dort um Liebe betrogen worden, wo man sie erwartet, in der eigenen Familie.

„Man akzeptiert die Liebe, die man glaubt zu verdienen“, schreibt Stephen Chbosky in „Vielleicht lieber morgen“.

Wenn man sich wertlos fühlt, in seinem Innersten überzeugt ist, kein Anrecht auf etwas zu haben, nicht einmal darauf, es haben zu wollen – dann kann man mit einer Fiktion arbeiten: Was wäre, wenn ich gut wäre, wie ich bin? Was, wenn mein Anspruch, mein Begehren berechtigt wäre?

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite – und hierin liegt die Kunst, denn es klingt wie ein Paradox – sind Regeln oft gut, da Regeln erprobt sind. Loyalität ist für den gut, der sie erfährt, aber auch für jenen, der loyal ist.

Das mag jetzt verwirrend klingen, aber noch einmal zur Problemkonstellation: Sie sind nicht zufrieden mit ihrer Ehe. Sie verlieben sich. Sie fühlen sich schlecht deswegen. Sie trennen sich von Ihrer Geliebten und kehren zurück, aber nun ist Ihre Frau verunsichert. Drei Wege stehen Ihnen offen: Der Kampf um die Gunst Ihrer Frau, ein klares Bekenntnis zu Ihrer Geliebten oder Alleinsein. Nun wieder zu der Loyalität: Seien Sie loyal zu der Entscheidung, die Sie treffen. Gehen Sie von der Fiktion aus, Sie wären in Ordnung, wie immer Sie sich entscheiden, es wäre sogar in Ordnung, auf dem Weg zu Ihrem Glück jemanden zu verletzen, es wäre richtig, etwas Eigenes zu wollen, zu begehren.

Wie immer Ihre Entscheidung ausfällt: Gehen Sie nun von der Fiktion aus, diese Entscheidung wäre die richtige. Und bleiben Sie dabei.

 

Die Liebe stellt Sie vor schwierige Fragen? Malte Welding gibt Ihnen eine Antwort.
Schreiben Sie an: liebe@berliner-zeitung.de

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Ist unsere mystische Verbindung eine Täuschung?

Ich habe eine super Beziehung. So ist mein Freund manchmal genau rechtzeitig am richtigen Ort, wenn ich jemanden brauche. Wenn ich etwa Gefahr laufe, einen Termin zu verpassen, taucht er auf und fährt mich. Nun habe ich schon oft überlegt, woher er das weiß und denke inzwischen, vielleicht hat er mein iPhone geknackt. Dinge, die vorher passten, weil wir eine mystische Verbindung haben, wären dann ganz anders begründet. (Bettina, 45)

In Woody Allens Komödie „Everyone says I love you“ verführt Allen als Joe Berlin die Kunsthistorikerin Von, indem er sich von seiner Tochter mit Informationen über Von versorgen lässt. Joe und Von sitzen in Venedig an einem Kanal, er erzählt, wie sehr er die einfachen Dinge liebt. Etwa an einem romantischen Ort wie Bora Bora zu sein in einer sternenklaren Nacht, der Himmel so erleuchtet, dass man lesen kann. Sie ist zu Tränen gerührt, glaubt, sie und er seien seelenverwandt. Joe fragt sie, ob etwas nicht in Ordnung sei, Sie sagt, alles sei ganz genau richtig. Weil wir uns nicht nur in einer Komödie befinden, sondern auch in einem Musical, fängt Von an zu singen: „Mein ganzes Leben lang habe ich auf dich gewartet.“

Vermutlich haben nur wenige Zuschauer bei dieser Szene gedacht: „Was für ein verdammter Stalker Woody Allen doch ist!“

Ebenso ist davon auszugehen, dass die alten Griechen sich nicht an den Täuschungen ihres Gottes Zeus gestört haben, der sich der Liebe wegen mal in einen Stier verwandelte, mal in einen Adler. Aber bei Zeus wird deutlich, dass Täuschung nicht Ausdruck von Liebe, sondern von Macht ist. Weshalb sie in der Komödie auch funktioniert. Der schüchterne Intellektuelle gleicht seine Schwächen aus, es ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte, wenn auch eine nicht zeitgemäße, in der der Mann erobert und die Frau sich verschanzt.

Sie hätten also, um es kurz zu machen, völlig recht, empört zu sein – wenn Ihr Freund Ihr Telefon geknackt hätte. Allerdings haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen an der Waffel. Ich meine das unmedizinisch.

Es gibt so etwas wie eine Fähigkeit zum Glücklichsein. Auch in der wunderbarsten Situation scheint einem nicht einfach so die Sonne aus dem Hintern. Man muss das Glück reflektieren, weshalb man eben in einem schönen Hotel sagt: „Ach, ist das schön hier.“ Ach, haben Sie es gut. Aber Glück kann auch unheimlich sein, zu gut, um wahr zu sein, seine Flüchtigkeit macht Angst. Weshalb man sich wappnet mit Misstrauen. Lassen Sie das. Singen Sie lieber! „Mein ganzes Leben …“

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Haben die Männer Angst, weil ich auf sie zugehe?

Ich bin seit Jahren Single und würde gerne wieder einen Freund haben. Wenn ein Mann mir gefällt, was nicht so oft passiert, versuche ich, nicht passiv zu warten, sondern ihn selbst um eine Verabredung zu bitten. Eine Freundin sagt, genau das würde Männer verschrecken, sie wollten selbst aktiv werden. Also doch nur sexy gucken und lächeln und hoffen? (Linette, 38) Continue reading

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Er wollte gleich wissen, ob wir Sex haben

Ich habe vor zwei Jahren im Urlaub einen Franzosen kennengelernt. Zunächst habe ich den Kontakt einschlafen lassen. Im Februar dieses Jahres habe ich ihn dann ganz unverfänglich angeschrieben. Es stellte sich heraus, dass wir den Sommer wieder im selben Ort verbringen werden. Er fragte auch gleich, ob wir Sex haben werden. Er ist recht direkt, das könnte an seinem Drogenkonsum liegen. Wir schreiben nun fast täglich per WhatsApp, teilweise sehr intim mit Fotos. Bei Facebook blockiert er mich allerdings. Ich weiß überhaupt nicht, was er möchte. Handelt es sich bei ihm nur um eine lockere Sexaffäre für den Sommer? Eine Fernbeziehung könnte ich mir vorstellen. Ich würde auch gerne mit ihm schlafen und weiß über Verhütung Bescheid. Leonie, 17

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Mit ihm kann ich nicht sein, aber ohne ihn auch nicht

Einige Male schon habe ich versucht, meinen Freund zu verlassen, aber ich kann nicht ohne ihn! Mit ihm geht es jedoch auch nicht. Wencke, 33

Die Mutter einer Bekannten, die um die fünfzig ist, heiratete ihren Mann, obwohl sie einen anderen liebte. Sie fühlte sich verpflichtet. Die beiden bekamen fünf Kinder miteinander, sie wurde immer dünner und er immer dicker, obwohl sie den Kühlschrank mit einem Schloss verriegelte und den Schlüssel um ihren Hals trug. Continue reading

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Hätte ich ein anderes Leben haben können?

Mit 27 habe ich meinen damaligen Freund verlassen, weil es mir unvernünftig schien, mit ihm zusammenzubleiben. Er war amüsant, prickelnd, lebendig, aber er bekam einfach nichts auf die Reihe. Ich entschied mich für einen anderen, meinen jetzigen Mann, eigentlich in allem das Gegenteil. Nun langweile ich mich häufig und denke: Hätte ich ein anderes Leben haben können? (Rita, 35)

Vielleicht das größte Problem der Liebe ist, dass man nicht aufhören kann, wenn es am schönsten ist. Man hält entweder aus, bis man es nicht mehr erträgt – oder man beendet es tatsächlich auf dem Höhepunkt. Aber dann hört es nie auf.
Aufhören, wenn es am schönsten ist, das ist auch das Leitmotiv des großen Generation-X-Liebesfilms „Before Sunrise“. In einem Zug aus Budapest lernen sich Céline (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) kennen. Am Ziel angekommen, überzeugt Jesse Céline davon, mit ihm auszusteigen, weil sie irgendwann in einer Beziehung feststecken und sich dann fragen würde, ob ihr Leben mit einem anderen Mann nicht glücklicher verlaufen wäre. So nun, lockt er sie, könne sie sehen, dass er genauso langweilig und unmotiviert sei wie alle anderen.
Es geht in „Before Sunrise“ also darum, präventiv die Geister der Vergangenheit auszutreiben – und das geht gründlich schief.
Nach einer gemeinsamen Nacht trennen sie sich im Morgengrauen, ein halbes Jahr später wollen sie sich wiedersehen. Aber Céline kann nicht zum vereinbarten Treffpunkt kommen, weil ihre Großmutter stirbt. So sehen sie sich erst neun Jahre später auf einer Lesung wieder, in der Fortsetzung des Films „Before Sunset“. Beide sind unglücklich in ihren Beziehungen, beide denken oft an Wien zurück, das Gespenst der ungelebten Liebe hat sie nicht losgelassen. Am Ende des Films sind sie in ihrer Wohnung, sie tanzt zu Nina Simones „Just in Time“.
Genau der richtige Moment: Wäre der damals gewesen oder heute?
Der Freund, den Sie verlassen haben, war amüsant, prickelnd, lebendig, aber es war offenbar nicht genug. Das war die Wirklichkeit. Was Sie heute mutmaßen, ist nur noch pure Nostalgie. Es gibt keine Ersatzrealität. Hätte er Ihnen genügt, hätten Sie ein anderes Leben haben können. Wenn Sie ein anderer Mensch gewesen wären. Aber Sie sind Sie.
Und warum überhaupt zurückschauen? Das Leben ist ja keine personell unterbesetzte Seifenoper. Sie können einen neuen Helden finden.

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Was will ich von dem Mann, der mich nicht liebt?

Ich bin jung gebliebene 50 Jahre alt und habe mich letztes Jahr in einen Mann verliebt, der mir aber sagte, dass er keine feste Beziehung möchte und auch nicht in mich verliebt sei. Es ging jedoch weiter bei uns, freundschaftlich mit ein paar Zärtlichkeiten. Sex hat nicht richtig funktioniert. Es entwickelte sich so weit, dass ich samstags immer bei ihm übernachtete. Zwischen Weihnachten und Neujahr waren wir die ganze Zeit zusammen, haben gefeiert, und ich habe ihm im Haushalt geholfen. Dann kam der 30.12., ich hatte etwas zu viel getrunken und habe einen Streit mit ihm angefangen – einfach so. Danach war Funkstille – er hat sich nicht gemeldet, ich hab ihm blöde SMS geschickt. Nun bin ich traurig.

Roswitha, 50
Vielleicht hat uns die Evolution diese besänftigende Blindheit für den Partner mitgegeben, damit wir überhaupt andere Menschen ertragen. Meistens ist diese Blindheit also bestimmt sinnvoll. Sie würde ich allerdings am liebsten sofort zur Augenheilkunde überweisen.

Sie versuchen, einen Mann zu bekommen, der nicht in Sie verliebt ist, Ihnen das sagt, der keinen Sex mit Ihnen hat, weil das nicht funktioniert, und der nun seit knapp drei Monaten nicht mehr mit Ihnen spricht. Woran liegt das? Ich bin über Ihre Selbstbeschreibung gestolpert. Jung gebliebene 50 seien Sie. Nun sind Sie entweder so jung geblieben, dass Sie wie eine Fünfzehnjährige für jemanden schwärmen, der möglichst weit entfernt ist, um bloß nicht wirklich in eine erwachsene, überfordernde Beziehung gerissen zu werden. Oder Sie sind keineswegs jung.

Ihr Verhalten sieht eher nach Altersverzweiflung aus. Dann habe ich eben keinen Sex und keine echte Wertschätzung, aber wenigstens jemanden, der sich mit mir beschäftigt. Betrunken hatten Sie einen klaren Moment. Da wussten Sie plötzlich, dass Sie das nicht ertragen.

Sie wollen nicht einsam sein und binden sich an jemanden, der Sie nicht liebt, obwohl die Einsamkeit neben einem Menschen noch bohrender ist als das Alleinsein.  Sie sind nicht jung gebliebene 50, Sie sind erst 50! Vor ein paar Jahrhunderten hat man aus dem, was Sie noch vor sich haben, ein ganzes Leben von der Wiege bis zur Bahre gemacht.

Mit 50 treffen Sie die Entscheidung, ob Sie sich geistig in die Rente verabschieden wollen oder weiter Ihr Leben gestalten. Sie laufen auf eine Fata Morgana zu und wollen dann wissen, wie man dort an Wasser kommt. Gar nicht. Gehen Sie weiter.
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Verliere ich sie für immer, wenn ich mit anderen schlafe?

Meine Frau (ich bin lesbisch) hat sich nach 15 Jahren von mir getrennt. Wir wohnen jetzt in separaten Räumen in unserer großen Wohnung, was aus finanziellen Gründen nicht zu ändern ist. Nun schaue ich mich in Flirtforen um. Was sie davon hält, weiß ich nicht, wir sprechen kaum miteinander.  Sollte ich jemanden finden, der mit mir Sex haben möchte, und ich will auch, wäre das ein Seitensprung? Zwar teilen wir Tisch und Bett nicht mehr miteinander, und sie wollte sexuell schon lange nichts mehr von mir, aber ich will mir nicht sagen lassen, ich hätte sie betrogen, falls sie mich zurückwill.  Ines, 52
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