Papa oder Vati?

Mein Freund und ich wollen beide innerhalb der nächsten vier Jahre Eltern werden. Allerdings eröffnete mein Freund mir, dass er auf keinen Fall „Papa“ genannt werden möchte (sondern „Vati“, so, wie er seinen Vater ebenfalls nennt). Für mich ist hingegen klar, dass „Vati“ sich nicht im aktiven Wortschatz meiner Kinder befinden soll, da ich diese Anrede als antiquiert und steif empfinde. Mein Freund hingegen sieht „Papa“ (was ich mag) als Ausdruck der Babysprache, der seiner Kinder nicht würdig sei, sobald sie „Vati“ artikulieren können. Luise, 24

Es gibt ihn nicht, den Königsweg der Elternbenennung. Der Trainer Louis van Gaal erlangte auch über die Grenzen der Fußballgemeinde Berühmtheit für seine Entscheidung, sich von seinen Töchtern siezen zu lassen, mein bester Schulfreund redete seine Eltern mit Vornamen an und duzte und vornamte, nachdem sie es ihm in einer schwachen Stunde gestattet hatten, auch meine Eltern so penetrant – „Niels, kannst du mir mal die Milch geben, danke, Niels“ – dass ich versucht war, sie zu siezen.

Paps (flappsig), Popa (etymologisch bedenklich), Daddy (also bitte) oder Mom (wohl zu viele Soaps geschaut), Mütterchen (ich geb dir gleich Sibirien!), Frau Mama (aber bitte mit Sahne), Mutti (noch ein Scheibchen Toast Hawaii, Uwe?) – alles taugt nicht viel. Vermutlich wäre es am sinnvollsten, zu seinen Eltern einfach „hey du“ zu sagen. Aber: naja.

Sie sehen: Wir haben es nicht mit einer Frage des Geschmacks, sondern mit einer der Kultur zu tun. So wenig Wurstbrote objektiv Speck mit Würstchen zum Frühstück überlegen sind, so wenig schlägt Papa den Vati. Wenn Kulturen verschmelzen (und im Winzigen tun sie das mit jeder Beziehung), dann übernehmen sie entweder die kulturellen Errungenschaften des jeweils anderen, behalten jene, die ihnen wichtig sind, oder sie schaffen etwas Neues. Der Wiener löst die Problematik übrigens, indem er dem anderen bescheidet: „Scheiß di ned au, Oida, dann redst hoid wia I!“ Schmäh löst eine Menge.

Der Soziologe Rainer Paris sagt über die Sehnsucht: „Die Empfindung der Nähe ist mit dem Schmerz der Getrenntheit aufs Engste verbunden.“ Wir können nicht der andere sein, und selbst Platon verheißt uns nur, unsere andere Hälfte zu finden, nicht: uns noch einmal.

Das Schöne und das Schreckliche der Liebe entsteht gerade dadurch, dass der Geliebte uns in eine ganz andere Welt hineinreißt, mit einer eigenen Sprache, seltsamen Vorlieben und unbefriedigenden Manieren. Abgestoßen sein und sich trotzdem hingezogen fühlen: Das ist Liebe.

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8 Gedanken zu “Papa oder Vati?

  1. Nun. Wie man genannt wird, das entscheiden immer noch die Kinder und da nach Reproduktion die Hormone ohnehin durchdrehen, findet man jede Bezeichnung herzig. Auch „Kacka“ (Ich hörte von Kindern mit einer P-K-Schwäche).

  2. „Papi“ ist wohl der schon phonetisch nahe liegende Kompromiss – was nicht überrascht, wenn man weiß, dass ich meinen Vater heute noch so nenne und ich deshalb ein Fan dieser Anrede bin. Was auf meine Frau wiederum nicht zutrifft, sie nennt aus kulturellen Gründen den Ihren Apu.
    Meistens hat sie Recht.

    • Mein Vater war Papi. Dennoch bin ich aus dem Osten. Mein Opa nannte ich Papa – habe ich voon meiner Mutti übernommen, die ihren Vater Papa nannte. Logisch?

  3. Bin grade zufällig beim Lesen einer Rezension auf diese literarisch köstliche, äußerst amüsante Frage-Antwort-Rubrik gestoßen. Die Kartoffeln kochen sich zu Püree, weil ich nicht aufhöre zu lesen. Das Thema Vati-Papa brachte mir ins Bewusste, wie schwierig die Vater-Mutter-Anrede in den letzten Jahren für mich, 46, geworden ist. Und dass ich sie deshalb vermeide. Das Vati-Sagen ist tatsächlich eine DDR-Reliquie. Papa mutete mir hochdeutsch, westlich, weltgewandt an. Hatte den Ruch von freier Erziehung und liberalen Elternhäusern. Der Papa ist zugewandt, vergöttert seine Kinder, besonders West-Töchter sind kleine Prinzessinnen. Der Vati sitzt mit der Knute vor dem Hausaufgabenheft, um die rotgeschriebene Einträge des Staatsbürgerkunde-Lehrers zu ahnden. So versuchte ich des öfteren eine Holger-Anrede, die er, immer auf Respekterweisung bedacht, umwandelte in „wennschon dann Herr Holger“. Dergestalt vornehme Ansprache wurde dann von sämtlichen Familienmitgliedern aufgegriffen und gibt unserer ehemaligen Ostfamilie etwas Adliges.

    • „Der Vati sitzt mit der Knute vor dem Hausaufgabenheft, um die rotgeschriebene Einträge des Staatsbürgerkunde-Lehrers zu ahnden.“ Treffer. Wenn auch nicht direkt, aber doch der patriarchal-autoritär-strenge Touch. Andererseits klingt es fast schon wieder zu niedlich, was nun wirklich nicht passt, sondern eher den Kern verhüllt. Größere Probleme bereitet mir aber, dass meine Mutter nach wie vor ‚Mutti‘ nutzt. Sollten sich Anreden bzw. Anredeformen über die Jahre nicht auch entwickeln (lassen)? (Zumal Merkel = Mutti …)

    • Mein Vati hatte keine Knute, der Vati meiner Töchter auch nicht und wir wohnen im Westen, was für’n Quark kann man so argumentieren????

  4. Habe meinen Vater immer Vati genannt und will auch jetzt von meinen Kindern so genannt werden. Zumal es sehr besonders in der heutigen Zeit als auch niedlich aus einem kleinen Mädchen-Mund anzuhören ist.
    Sind aus Niederösterreich.

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