Kann ich alleine mehr ich selbst sein?

Ich frage mich manchmal, ob ich nicht lieber allein wäre. Nicht häufiger, sondern wirklich dauerhaft. Dann könnte ich, glaube ich, auf eine Art ich selbst sein, wie es mir in einer Beziehung nicht möglich ist. Sebastian, 33

In David Levithans „Das Wörterbuch der Liebenden“ schreibt der Ich-Erzähler unter dem Begriff „gesund“, dass er manchmal, wenn er allein sei, diese Augenblicke erlebe, in denen er denkt: „Das ist es.“
Er brauche nur die Möglichkeit, zu tun und lassen, was immer er will, er sei er selbst und gut so. „Beziehungen sind ein soziales Konstrukt, Niemand muss unbedingt eine eingehen. Vielleicht bin ich ohne besser.“
Ich saß auf dem Klo, als ich diese Stelle gelesen habe, und ich legte ein Stück Klopapier als Lesezeichen zwischen die Seiten.
Meine Freundin war weg, und ich bröselte vor mich rum in meiner eigenen Welt, machte mir ab und an Notizen, spielte etwas Wii, las einige Bücher parallel und dachte: „Ja, vielleicht hat er recht.“ Ich dachte es und wusste, dass er unrecht hat. Es ist wunderbar, allein zu sein, wenn man genau weiß, dass man einige Stunden später nicht mehr allein sein wird.
Es muss sich keiner dringend die Hände waschen, während man auf dem Klo sitzt, man kann genau die schreckliche Mischung von Musik auf Youtube hören, die man nur selber erträgt, man kann das Telefon klingeln lassen und wird von niemandem aufgefordert dranzugehen, man kann langweilig sein und einfallslos oder aus jeder Idee sofort etwas machen.
Kein Mensch ist eine Insel, heißt es, aber tatsächlich kann man eine wunderschöne Insel sein, mit tollem Strand, Palmen, und einer Menge Meer rundherum. Man steigt aus dem Ozean empor und taucht irgendwann, vielleicht 50, vielleicht 70 oder 90 Jahre später wieder in die Fluten ein, hat niemanden beeinflusst, niemanden geprägt, hat keine Spuren hinterlassen. Man war ganz unbemerkt ein Teil vom Ganzen. Geht bestimmt auch.
Das Alleinsein ist Zuflucht und Falle zugleich. Der Wunsch nach dem Alleinsein entsteht gerade dadurch, dass man unter Menschen seine Bedürfnisse nicht in der Art befriedigt findet. Ich kann alles ganz genau so haben, wie ich es will, wenn ich allein bin. Aber das ist bloß (und im besten Fall) Spaß. Aber niemals Glück.
Glück ist in unserem Gehirn so verschraubt, dass es erst freigesetzt wird im Miteinander. Sie können sich überfressen an Schokolade, an all dem Fun, den man allein haben kann, aber Sie können sich nicht überlieben.

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5 thoughts on “Kann ich alleine mehr ich selbst sein?

  1. Pingback: Sozialtheoristen » Wünsche, Wille und Vorstellungen (Update)

  2. Ohne Freundin würde ich nicht mal regelmässig duschen. Und wäre schon ziemlich bald jemand, der man nicht sein will.

  3. Ich habe ein ähnliches Gefühl, dass ich nur ich sein kann, alleine. Aber es stimmt, dass man das Leben allein genießen kann, aber nicht Glücklich… das ist tatsächlich verwoben in den Momente die man mit anderen Menschen teilt. Ich finde dass eine Herausforderung ist – und zwar eine schöne – sich selbst zu sein, mit andere. Es ist diesen Mittelweg, aus sich selbst hinaus zu gehen, aber die eigenen inneren und die grenze zum außen zu spüren…

  4. @Lulu
    Das ist tatsächlich eine der großen Herausforderungen – wenn man nicht gerade so groß geworden ist, dass es einem ganz natürlich erscheint.

  5. Glück wird erst im Miteinander freigesetzt? Weil es im Gehirn so “verschraubt” ist? Also das kann ich nicht bestätigen. Wirklich glücklich war ich nur in Augenblicken, in denen ich allein war. “Glück” und “Miteinander” schließen sich aus. Zusammen mit anderen bin ich vielleicht zufrieden, aber nicht glücklich.

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