Soll ich es nicht einfach lassen mit der Liebe?

Ich habe das Gefühl, mich nicht immer und immer wieder auf noch eine Beziehung einlassen zu können. Liebe tut mir nicht gut. Sollte ich es nicht einfach lassen? Elske, 32

Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen haben in einem Kuhstall Videoaufnahmen von fast 9.000 Stubenfliegen ausgewertet. Diese Stubenfliegen sind bevorzugte Nahrung der Fransenfledermaus. Für die Fransenfledermaus, die sonst vor allem in bodennahen Waldschichten jagt, ist so ein Kuhstall natürlich ein Schlaraffenland, sollte man meinen, aber ganz so einfach ist es nicht; die Fransenfledermäuse sind nachtaktiv, die Stubenfliegen tagaktiv, und Fliegen, die sich nicht bewegen, sind auf dem rauen Untergrund der Stalldecke vom Ultraschall der Fledermäuse nicht zu orten.

Wenn jedoch Stubenfliegen Geschlechtsverkehr haben, schlagen die Männchen wild mit den Flügeln. Bei etwa fünf Prozent aller von den Forschern beobachteten Kopulationen wurden beide Fliegen, Männchen wie Weibchen, von einer Fransenfledermaus attackiert und in beinahe jedem Fall auch verschlungen. Beide. Die Forscher fassten ihr Ergebnis mit den Worten „Sex kills“ zusammen. Sex tötet.

Jochen Laabs dichtete in seinem „Isländischen Liebesgedicht“: „Ich bin der Bottich // du drin der Hering. // Und das Salz zwischen uns // ist die Liebe // die uns haltbar macht // und zerfrißt“.

Die Doppelnatur der Liebe macht uns unser Leben lang zu schaffen. Man braucht sie, aber sie richtet einen hin, sie reißt alle Widerstandskraft nieder, sie öffnet die Mauern zwischen uns und der Welt und lässt uns schutzlos zurück.

Liebe ist gefährlich – und was haben wir davon? Die französische Malerin Françoise Gilot antwortete im SZ-Magazin auf die Frage, ob sie es jemals bereut habe, mit Picasso gelebt zu haben, Reue sei pure Zeitverschwendung, sowieso sei es „viel interessanter, mit einem besonderen Menschen etwas Tragisches zu erleben, als ein wunderbares Leben mit einer mittelmäßigen Person zu führen“. Außerdem werde dieser mittelmäßige Mensch einen ebenso zerstören, er brauche nur mehr Zeit dafür.

Pudding tut uns nicht gut, Rauchen tut uns nicht gut, Faulenzen nicht, Fleisch nicht, Liebe nicht. Eines davon ist unverzichtbar. Ralf König schrieb einmal, die mit dem HI-Virus verbundene Tragödie sei: Wäre es im Kaffee, würde man eben keinen Kaffee mehr trinken. Aber es trifft uns da, wo wir wild, töricht und am verletzlichsten sind.

Wenn eine Fliege sprechen könnte, wir würden sie verstehen: Sie bereut keinen Flügelschlag, keinen einzigen.

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6 thoughts on “Soll ich es nicht einfach lassen mit der Liebe?

  1. sie lässt uns nicht schutzlos und schon gar nicht zurück. sie lässt uns nackt neu ins leben!

  2. Pingback: Wie die Fliegen | Malte Welding

  3. Die Fliege hat ja auch fast mehr Zapfen im Auge als Zellen im Hirn. Hätte sie so einen überproportionalen Denkapparat wie der Mensch, dann wäre sie vor Zweifeln schon ausgestorben, kann sie doch jedes Elend im Rundumblick mit ansehen.

    Lernen heißt oft auch, bekannte Schmerzen in der Zukunft zu umgehen. Steht am Ende keine neue Strategie, keine Erkenntnis, warum sollte man es dann erneut probieren mit der Liebe, wenn es immer wieder nicht funktioniert? Weil man ein Tier ist, das sich fortpflanzen möchte? Wie trostlos.

    • … oder weil man nicht wissen kann, welchen anderen Ausgang eine anderer Partner gewährt? Aus eigener Erfahrung: Auch ohne bewusst andere Strategie “stolpert” man gelegentlich ganz aus Versehen über einen Menschen, der alle “Fehlversuche” verschwinden lässt…

      Und ehrlich: 32? Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Deutschen liegt bei 77,6 (bei Frauen sogar bei über 82) Jahren. 45 oder gar 40 Jahre ohne Liebe, ohne einen Menschen an der Seite, der zu einem hält? Oh Gott, wie trostlos.

      • Nunja, mit 32 sind die Wahrscheinlichkeiten eben verteilt. Ist man Akademiker, hat man den Paarungsmarkt Universität dann hinter sich gelassen. Um einen herum sammeln die Menschen Ehen, Hunde, Vans, Kinder, Immobilien. Nicht alle sind damit glücklich, manche haben sich auch nur gegen das Alleinsein entschieden, nicht aber für die Liebe.

        Nichts ist unmöglich. Aber so manchem mag es vorkommen, dass Kämpfen für die Liebe doch ähnlich wie Kämpfen gegen die Atomkraft ist: Das etwas passieren sollte, wäre sehr sehr unwahrscheinlich. Wenn es passiert, ist es gravierend. Und ab und zu passiert es sogar doch.

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