Soll ich mich trotz schlechtem Gefühl bei ihm melden?

Zehn Jahre war ich in einer Beziehung, und schon seit  längerer Zeit hatte ich mich gefragt, ob es  noch Liebe war oder bloß Gewohnheit. Dann lernte ich  einen Mann kennen, mit dem mich intuitiv etwas verband. In der ersten Nacht haben wir uns sieben Stunden unterhalten, irgendwann später miteinander geschlafen.  Vor zwei Wochen trennte ich mich, weil der Neue eine Entscheidung wollte. Doch seither meldet er sich kaum noch. An diesem Wochenende sagte er, dass er mich lieben würde und mit mir zusammen sein will. Aber als ich ging, gab   er mir nur einen flüchtigen Kuss. Jetzt glaube ich, er sagt das alles nur, weil er mit mir schlafen will.  Soll ich mich weiterhin bei ihm melden?  (Katja, 29)

Ihr neuer Freund sagt, dass er Sie liebt und mit Ihnen zusammen sein will.  Das kann gelogen sein oder die Wahrheit.

Wenn man einen neuen Partner tauscht gegen einen, mit dem man zehn Jahre zusammen war, dann soll sich das emotional lohnen, dann müsste man sich bei seinem neuen Freund ebenso geborgen und gepampert fühlen wie bei dem alten.
Nur, wie lange hat es in der nun beendeten Beziehung gedauert, bis alles aufeinander eingespielt war, bis man einander gesagt hat, dass man sich liebt und das auch glauben konnte?

Damals waren Sie 19, vielleicht haben Sie sich schon am ersten Tag gesagt, dass Sie sich lieben, was auch immer das in dem Moment bedeuten konnte. Doch jetzt erwarten Sie mehr von einer Beziehung, Sie erwarten emotionale Stabilität, Sie erwarten eine echte Verbindung – aber es soll sich nicht anfühlen wie Gewohnheit (sonst wären Sie ja wieder da, wo Sie herkommen). Das alles gibt es aber eben nicht einfach so.

Zu den vielen Paradoxien der Liebe gehört, dass man zu Beginn einer Beziehung mit Unsicherheit zu kämpfen hat – so wie man im Verlauf einer Beziehung mit Sicherheit zu kämpfen hat. Erst ist alles fremd und ungewohnt, dann ist alles zu gewohnt.

Die Frage ist: Wann kann man eigentlich mal seine Beziehung einfach nur genießen?
Die Antwort: Das geht nur dann, wenn man seine Freude nicht allein von der Reaktion des anderen abhängig macht. Wenn man mit jemandem, den man gerade erst kennt – und daher also nicht wirklich kennt – schläft, dann, weil man das gerne möchte, und nicht, damit der einen später lieb hat oder als Absicherung dafür, dass er einen wirklich mag.
Früher einmal entstand aus Liebe vielleicht Sex, heute entsteht aus Sex vielleicht Liebe. Dafür braucht man  Nerven, die hat man nicht immer. Aber insgesamt ist es ein gesellschaftlicher Fortschritt, immerhin.

Von Malte Welding

Post to Twitter

2 Gedanken zu “Soll ich mich trotz schlechtem Gefühl bei ihm melden?

  1. Sehr schöne Weisheiten wie immer zum Samstagmorgen „Dafür braucht man Nerven, die hat man nicht immer. Aber insgesamt ist es ein gesellschaftlicher Fortschritt, immerhin.“

  2. Ich halte die Aussage für gewagt, dass es ein gesellschaftlicher Fortschritt sei. Darüber müsste man wirklich diskutieren. Ich würde es einfach nur gesellschaftliche Veränderung nennen – ob Fortschritt oder nicht, könnte ich gar nicht sagen.

    Allerdings ist dir das Aufzeigen von Sicherheit, Unsicherheit, Anfang und Bestand von Beziehungen in diesem Text gut gelungen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.