Soll ich Tiefe ohne Sex oder Sex ohne Tiefe wählen?

Seit 17 Jahren lebe ich mit meiner Freundin zusammen, wir erziehen gemeinsam einen Sohn. Schon seit Jahren hat sie kaum noch Lust auf mich. Ich habe das oft beklagt, aber sie sagt, es sei bei ihr eben anders, sie liebe mich auch ohne diese Seite. Nun habe ich eine Andere kennengelernt und mich heftig verliebt, wir haben eine heimliche Affäre. Ich empfinde tiefe seelische Verbundenheit mit meiner Freundin. Zu meiner Geliebten fühle ich mich vor allem physisch stark hingezogen. Aber ich glaube, sie könnte mich nie so verstehen wie meine Freundin. Ich möchte meinem Kind keine Trennung zumuten, ich möchte meine Freundin nicht verlieren; ebenso wenig wie meine Geliebte, die mich ins Leben zurückgebracht hat. Johanna, 42 Weiterlesen

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Bin ich aus Angst geldgierig geworden?

Vor fünf Jahren bin ich in das Haus meines verwitweten Freundes eingezogen. Ich hatte mich auf gemeinsames Leben, Wohnen und Gestalten gefreut. Da er das Gebäude noch etwa 15 Jahre abbezahlen muss, wollte ich mich beteiligen. Er besteht aber darauf, dass ich Untermieterin bleibe – eine seiner Töchter soll das Haus erben. Die andere wurde enterbt. Heiraten kann er mich nicht, weil er sonst seine Witwerrente verlieren würde. Manchmal habe ich Angst davor, dass mein Freund vor mir stirbt, und ich im hohen Alter das Haus verlassen muss. Er wirft mir deshalb Materialismus und Sicherheitsdenken vor (Margret, 57) Weiterlesen

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Muss ich mich für mein Begehren schuldig fühlen?

Ich bin verheiratet, habe mich aber vor etwa zwei Jahren in eine andere Frau verliebt. Etwas später offenbarte ich mich meiner Ehefrau und zog in eine eigene Wohnung. Doch ich schaffe es nicht, mich von meiner Ehefrau zu distanzieren. Immer wieder kehre ich zu ihr zurück. Jetzt will sie sich wegen meiner Unentschiedenheit scheiden lassen. Nun habe ich beiden Frauen Schuldgefühle gegenüber. Als Kind bin ich von einem nahen Verwandten missbraucht worden. Deshalb bin ich in Therapie. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Missbrauch noch immer meine Handlungsweisen prägt. Ich will einfach von allen gemocht werden! (Jonathan, 35)

 

Sie handeln. Und dann fragen Sie sich, ob Sie deswegen ein schlechter Mensch sind. Sie wissen, dass Sie der Situation des Missbrauchs entwachsen sind. Aber es kommt mir vor, als hätten Sie ein Problem mit Ihrem Glücksanspruch. Sexualität muss man selber erproben, als Handelnder erleben. Ihnen ist diese Möglichkeit genommen worden. Sie sind darüber hinaus dort um Liebe betrogen worden, wo man sie erwartet, in der eigenen Familie.

„Man akzeptiert die Liebe, die man glaubt zu verdienen“, schreibt Stephen Chbosky in „Vielleicht lieber morgen“.

Wenn man sich wertlos fühlt, in seinem Innersten überzeugt ist, kein Anrecht auf etwas zu haben, nicht einmal darauf, es haben zu wollen – dann kann man mit einer Fiktion arbeiten: Was wäre, wenn ich gut wäre, wie ich bin? Was, wenn mein Anspruch, mein Begehren berechtigt wäre?

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite – und hierin liegt die Kunst, denn es klingt wie ein Paradox – sind Regeln oft gut, da Regeln erprobt sind. Loyalität ist für den gut, der sie erfährt, aber auch für jenen, der loyal ist.

Das mag jetzt verwirrend klingen, aber noch einmal zur Problemkonstellation: Sie sind nicht zufrieden mit ihrer Ehe. Sie verlieben sich. Sie fühlen sich schlecht deswegen. Sie trennen sich von Ihrer Geliebten und kehren zurück, aber nun ist Ihre Frau verunsichert. Drei Wege stehen Ihnen offen: Der Kampf um die Gunst Ihrer Frau, ein klares Bekenntnis zu Ihrer Geliebten oder Alleinsein. Nun wieder zu der Loyalität: Seien Sie loyal zu der Entscheidung, die Sie treffen. Gehen Sie von der Fiktion aus, Sie wären in Ordnung, wie immer Sie sich entscheiden, es wäre sogar in Ordnung, auf dem Weg zu Ihrem Glück jemanden zu verletzen, es wäre richtig, etwas Eigenes zu wollen, zu begehren.

Wie immer Ihre Entscheidung ausfällt: Gehen Sie nun von der Fiktion aus, diese Entscheidung wäre die richtige. Und bleiben Sie dabei.

 

Die Liebe stellt Sie vor schwierige Fragen? Malte Welding gibt Ihnen eine Antwort.
Schreiben Sie an: liebe@berliner-zeitung.de

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Ist unsere mystische Verbindung eine Täuschung?

Ich habe eine super Beziehung. So ist mein Freund manchmal genau rechtzeitig am richtigen Ort, wenn ich jemanden brauche. Wenn ich etwa Gefahr laufe, einen Termin zu verpassen, taucht er auf und fährt mich. Nun habe ich schon oft überlegt, woher er das weiß und denke inzwischen, vielleicht hat er mein iPhone geknackt. Dinge, die vorher passten, weil wir eine mystische Verbindung haben, wären dann ganz anders begründet. (Bettina, 45)

In Woody Allens Komödie „Everyone says I love you“ verführt Allen als Joe Berlin die Kunsthistorikerin Von, indem er sich von seiner Tochter mit Informationen über Von versorgen lässt. Joe und Von sitzen in Venedig an einem Kanal, er erzählt, wie sehr er die einfachen Dinge liebt. Etwa an einem romantischen Ort wie Bora Bora zu sein in einer sternenklaren Nacht, der Himmel so erleuchtet, dass man lesen kann. Sie ist zu Tränen gerührt, glaubt, sie und er seien seelenverwandt. Joe fragt sie, ob etwas nicht in Ordnung sei, Sie sagt, alles sei ganz genau richtig. Weil wir uns nicht nur in einer Komödie befinden, sondern auch in einem Musical, fängt Von an zu singen: „Mein ganzes Leben lang habe ich auf dich gewartet.“

Vermutlich haben nur wenige Zuschauer bei dieser Szene gedacht: „Was für ein verdammter Stalker Woody Allen doch ist!“

Ebenso ist davon auszugehen, dass die alten Griechen sich nicht an den Täuschungen ihres Gottes Zeus gestört haben, der sich der Liebe wegen mal in einen Stier verwandelte, mal in einen Adler. Aber bei Zeus wird deutlich, dass Täuschung nicht Ausdruck von Liebe, sondern von Macht ist. Weshalb sie in der Komödie auch funktioniert. Der schüchterne Intellektuelle gleicht seine Schwächen aus, es ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte, wenn auch eine nicht zeitgemäße, in der der Mann erobert und die Frau sich verschanzt.

Sie hätten also, um es kurz zu machen, völlig recht, empört zu sein – wenn Ihr Freund Ihr Telefon geknackt hätte. Allerdings haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen an der Waffel. Ich meine das unmedizinisch.

Es gibt so etwas wie eine Fähigkeit zum Glücklichsein. Auch in der wunderbarsten Situation scheint einem nicht einfach so die Sonne aus dem Hintern. Man muss das Glück reflektieren, weshalb man eben in einem schönen Hotel sagt: „Ach, ist das schön hier.“ Ach, haben Sie es gut. Aber Glück kann auch unheimlich sein, zu gut, um wahr zu sein, seine Flüchtigkeit macht Angst. Weshalb man sich wappnet mit Misstrauen. Lassen Sie das. Singen Sie lieber! „Mein ganzes Leben …“

Die Liebe stellt Sie vor schwierige Fragen? Malte Welding gibt Ihnen eine Antwort. Schreiben Sie an: liebe@berliner-zeitung.de

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Haben die Männer Angst, weil ich auf sie zugehe?

Ich bin seit Jahren Single und würde gerne wieder einen Freund haben. Wenn ein Mann mir gefällt, was nicht so oft passiert, versuche ich, nicht passiv zu warten, sondern ihn selbst um eine Verabredung zu bitten. Eine Freundin sagt, genau das würde Männer verschrecken, sie wollten selbst aktiv werden. Also doch nur sexy gucken und lächeln und hoffen? (Linette, 38) Weiterlesen

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