Wie schaffe ich es, mich zu entlieben?

Ich habe einen verheirateten Mann kennengelernt. Durch ihn empfand ich wieder Freude am Leben. Kurze Zeit später gestand er mir seine Liebe. Aber ich blieb distanziert, denn er ist verheiratet und hat Kinder. Doch er gab nicht auf, und ich verliebte mich. Kurz darauf erfuhr seine Frau von meiner Existenz. Nun ist er weg. Er müsse auf seinen Verstand hören, sagt er. Wir sind Kollegen, und er hat einfach in den „Freund-Modus“ geschaltet. Er sagt, in ihm sehe es anders aus, aber ich bin dennoch verletzt. Wie kann er mir nur zwei Tage zuvor Liebe schwören? Wie funktioniert dieses Entlieben? Und wieso schaffe ich das nicht? Christina (30)

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Sollte ich mein Herz verschließen in harten Zeiten?

Ich bin mit all diesen friedensbewegten und menschenfreundlichen Botschaften groß geworden: Wasser bricht den Stein. Oder: Gib und dir wird gegeben. Mit Frauen hat mir das jedoch wenig Glück gebracht, meine Scheidung steckt mir ziemlich in den Knochen. Würde man in härteren Zeiten nicht besser damit fahren, sein Herz zu verschließen? (Bernd, 39)

Sind Sie Ingenieur? Ich habe einmal von einem Erste-Hilfe-Kurs für Ingenieure gehört, in dem ein Arzt in die Runde fragte: „Wie stoppt man am besten eine Blutung?“ Einer der Ingenieure meldete sich und sagte: „Man hält das Herz an.“

Der Science-Fiction-Autor Neil Gaiman kam zu dem Schluss: „Ich hasse Liebe.“ Liebe lasse einen weinend im Dunklen zurück. Man öffne sich, nur um das Herz herausgerissen zu bekommen.

Fast jeder wird schon einen Moment erlebt haben, in dem er sich wünschte, nicht zu fühlen. Alles, was wir lieben, wird uns entrissen werden und das Leid so furchtbar sein, dass wir das Schöne vergessen.

Es gibt einen Text des amerikanischen Essayisten Brian Doyle über das Herz. „Joyas Volardores“ heißt der, „Fliegende Juwele“. Das ist der spanische Name für Kolibris. Das Herz eines Kolibris schlägt zehn Mal in der Sekunde. Kein Tier ist so anfällig für Herzinfarkte und Aneurysmen, sein Stoffwechsel lässt es beinahe brennen. Man zahlt einen Preis für sein Herz, der Wechselkurs ist universell. Jedes Säugetier hat eine Milliarde Herzschläge, von der Wüstenspringmaus mit ihrem flatternden Herz bis zum Blauwal mit seinem wohnzimmergroßen Herz.

Nur das Herz des Menschen schlägt vier Milliarden Mal. Wir leben über unsere Zeit und zahlen mit unseren Wunden den Preis der Erinnerung.

Wenn man jung ist, schreibt Doyle, glaubt man, es gebe diesen einen Menschen, der einen immer würdigen und stützen werde. Später wisse man, dies war der Traum eines Kindes.

Und doch seien alle Mauern, die man errichte, kein Schutz. Egal, wie grimmig die Verteidigung, egal, wie hoch der Steinwall: „Du magst dein Herz zumauern so robust und eng und hart und kalt und undurchdringlich wie du nur kannst und doch bricht all das zusammen, in einem einzigen Moment, gefällt vom zweiten Blick einer Frau, dem Apfelatem eines Kindes, … der papierenen alten Hand deiner Mutter im Dickicht deines Haars, der Erinnerung an die Stimme deines Vaters …“

Was bleibt? Die Erinnerung an Ihre Hochzeit. Nicht an Ihre Scheidung.

Die Liebe stellt Sie vor schwierige Fragen? Malte Welding gibt Ihnen eine Antwort. Schreiben Sie an: liebe@berliner-zeitung.de

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Wieso kann mein Exfreund nicht freundlicher sein?

Vor einem Jahr hat mich mein Freund verlassen. Seither begegnet er mir mit Desinteresse. Unsere Beziehung hatte Potenzial, aber eben auch Blockaden, wir hätten an uns als Paar arbeiten müssen. Mein Ex wollte dies nicht. Okay. Aber warum ist er nun so abweisend? Und warum kann ich ihn nicht einfach sein lassen und weitergehen?
(Rita, 27)

Meine Frau sagte mir einmal, ich wäre ein guter Jurist geworden. Nun habe ich ja Jura studiert, weswegen ich es wagte zu widersprechen. Denn ich weiß, dass es mir an allem fehlt, was einen guten Juristen ausmacht.

Der Prozess des Werdens ist das neue Sein. In der Marktlogik der Moderne ist das Versprechen des Morgen aufregender als die Gegenwart. Aktien steigen bei Hoffnungen, nicht bei Gewinnen.

Es kann entsprechend einfach sein, eine gute Beziehung zu beenden, in der das volle Potenzial der Partnerschaft abgerufen worden ist – weil diese Beziehung keine Verheißung mehr birgt.

Ich nun aber weiß, dass ich kein potenziell guter Jurist bin. Weil ich nicht stundenlang Akten studieren kann, weil ich keine Begeisterung für Baurecht verspüre, vor allem aber: Weil ich erlebt habe, dass ich kein guter Jurist bin.

Meine Frau sieht einige passende Eigenschaften in mir, übersieht die ganz und gar nicht passenden und kommt zu dem Schluss: Das sollte gehen.

Gut, dass wir nur eine Ehe führen und keine Kanzlei.

Jeder Handwerker kennt das: Er fertigt seinem Kunden etwas an, der Kunde betrachtet es und sagt: „Ja, gefällt mir ganz gut, aber eigentlich hätte ich es lieber in Blau.“

Sie wollten diesen Mann, aber in Blau. Sie schreiben, die Beziehung hatte Potenzial. Wollen Sie damit sagen, dass alles toll gelaufen wäre, verfügten Sie selbst über mehr Humor und wären intelligenter? Oder meinen Sie nicht eher: Er hat nicht häufig genug angerufen, hat nicht abgewaschen, wusste nicht, wann er zuhören und wann nur in den Arm nehmen soll und wollte Sex immer nur, wenn Sie gerade nicht wollten?

Die Beziehung hatte Potenzial.

Das heißt: Im Grunde ja, aber so nicht. Du bist so verspannt, Schatz, möchtest du, dass ich deinen Fuß aus der Bärenfalle nehme?

Dass der Freund nun unfreundlich ist, ist ein Akt der Selbstbehauptung. In der Beziehung wollten sie ihn verändern, und auch jetzt wollen sie ihn immer noch nicht „einfach sein lassen“.

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Sollte ich es bei tiefen Blicken unter Kollegen belassen?

Seit mehr als einem Jahr tausche ich sehnsüchtige Blicke mit einem Kollegen aus. Am Anfang war es ein Spiel für mich. Sein Interesse schmeichelte mir, aber ich hielt mich zurück, um meine Beziehung nicht zu gefährden. Auch der Kollege hat bisher nicht die Initiative ergriffen. Abgesehen von Grußfloskeln kommunizieren wir nur über Blicke und Körpersprache. Einerseits würde ich ihn gerne kennenlernen und ärgere mich über seine Zurückhaltung, andererseits überlege ich, meine Stelle zu kündigen, um ihn zu vergessen. (Martina, 32)

Sie leben in einer Fantasieblase. Die Frage ist: Können Sie einer Fantasie durch Entfernung entkommen?

Manche Fantasien werden durch Nähe befeuert. Werbung funktioniert so. Wenn man es oft genug gesehen hat, glaubt man gern, dass man wegen eines Billig-Deos sexuell erfolgreicher ist oder ein Brotaufstrich einem zu mehr Weiblichkeit verhilft.

Andere Fantasien gedeihen von ganz allein, ja, sie wachsen gerade durch die Entfernung, weil sie so nicht mehr von der Realität eingetrübt werden.

In „City Slickers“, einer Komödie aus den Neunzigerjahren, erzählt der greise Cowboy Curly auf die Frage eines Städters, ob er jemals verliebt gewesen sei, dass er einmal vor langer Zeit in Texas an einer kleinen Farm vorbeikam.

Draußen auf dem Feld arbeitete eine junge Frau, sie richtete sich auf, ein knappes Baumwollkleid trug sie, die untergehende Sonne erleuchtete die Schöne von hinten so, dass sich ihre Form in sein Gedächtnis brannte. Was dann passiert sei, fragt der Städter. Er habe sein Pferd gedreht und sei fortgeritten, antwortet der Cowboy.

„Aber warum denn?“

„Es hätte nicht besser werden können.“

„Aber sie hätte die Liebe Ihres Lebens werden können.“

„Das war sie.“

In dem Film geht es um die wahren Werte, die, die wichtig sind im Leben, und der Cowboy ist derjenige, der den Schlüssel zu den großen Wahrheiten in den Händen hält.

Ich halte Weisheiten dieser Art für Unsinn. Mein Gott, es ist eine Hollywoodkomödie, warum halten wir uns damit auf?

Weil in Stücken dieser Art der Mythos aufrechterhalten wird, dass das, was man im Herzen spürt, genauso echt sei wie die Wirklichkeit.

Allerdings sind solch narzisstische Fantasien etwas für Kinder und Sterbende. Piksen Sie mit einer Nadel in Ihre Fantasieblase. Entdecken Sie den Zauber des tatsächlich Erlebten.

Die Liebe stellt Sie vor schwierige Fragen? Malte Welding gibt Ihnen eine Antwort. Schreiben Sie an: liebe@berliner-zeitung.de

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