Warum kann ich mich nicht freuen, dass meine Freundin ein Kind bekommt?

Ich bin 35, Single und liebe Kinder, bin aber kinderlos. Nachdem meine Schwester mir vor ein paar Woche erzählte, dass sie schwanger ist, ist dasselbe nun gestern mit meiner besten Freundin passiert. Ich habe ihr gratuliert und sie umarmt – aber dann musste ich schnell ins Bad laufen und mir das Gesicht mit kaltem Wasser waschen, weil ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, eine Maske zu tragen. Ich mag doch Kinder – warum kann ich mich nicht freuen?

Silke, 35

Erstens sind Sie neidisch und zweitens geht für Sie nun eine Lebensphase zuende.
Freud sieht in den „unverhüllt hervortretenden Abneigungen und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde“ den „Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzissmus (…), der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik derselben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, mit sich brächte.“
Gerade weil jemand einem nahesteht, wird jede Abweichung als Kritik an einem selbst gewertet. Irgendetwas in Ihnen wertet die Babybäuche Ihrer Schwester und Ihrer besten Freundin als Vorwurf an Sie. Nun ist Freud einer der wichtigsten Vertreter des Um-die-Ecke-Denkens und unverhüllt ist Ihre Abneigung ja auch nicht, Ihnen ist es ja immerhin gelungen, eine Maske zu tragen, aber er ist da etwas auf der Spur: Neid scheint eine Fehlschaltung zu sein, denn es geht hier ja erstmal um nichts, was einem genommen wird, sondern nur um etwas, das jemand anderes hat.
Eine Folge dieses Neids ist übrigens, dass man niemals durch ein Mehr neidfrei wird, weil etwa, wenn man sich ein schönes Haus leisten kann, nebenan jemand einzieht, der auch noch ein schönes Auto fährt, ein Auto, dem, wie wir jetzt wissen, der Vorwurf innewohnt, dass wir nicht so eins haben, also vermutlich faul und doof sind – während die Yacht eines Softwarefirmengründers über uns anscheinend gar nichts aussagt und wir sie uns zufrieden im Privatfernsehen anschauen können, so wie Sie generell den Anblick von Kindern genießen können, wenn diese bloß nicht jemandem entstammen, der Ihnen nahesteht.
Praktisch wird jetzt zudem einiges sehr anders werden. Keine Besäufnisse mehr mit Schwester und bester Freundin, Gespräche werden durch Geplärr unterbrochen und am Ende stehen Sie als die ewig Pubertierende da, die sich weigert, erwachsen zu werden.
Der Mensch fürchtet instinktiv Veränderungen. Haben Sie keine Angst. Es wird nie so schlimm, wie es scheint und niemand kritisiert Sie. Das ist alles nur in Ihrem Kopf.

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