Warum muss ich an zweiter Stelle stehen?

Ist es nicht merkwürdig, dass in Kernfamilien die Frau trotz Nachwuchs die Nr. 1 (neben den Kindern) bleibt und in Stieffamilien immer die Kinder an erster Stelle stehen? Die Rollen sollten für mich klar verteilt sein: Die Kinder sind die Kinder und ich bin die Frau, SEINE Frau, die ihr Leben mit ihm teilt und JETZT an seiner Seite ist. Die alte Familie ist Vergangenheit. Dazu gehört für mich, dass man sein Leben neu ordnen muss, wenn man seine Partnerin behalten will, lernt Rücksicht auf sie zu nehmen und ihr einen Platz in seinem Leben einräumen.
Mein Mann dagegen sagt sogar vor den Kindern, dass sie an erster Stelle stehen, ihm ist das wichtig, weil er darunter gelitten hat, dass sein Vater seine neue Partnerin ihm vorgezogen hat.
Barbara, 44

In der traditionellen Familie muss niemand der Frage auf den Grund gehen, wer am meisten geliebt wird. Die offizielle Haltung ist klar: Alle werden gleich geliebt, die Kinder alle gleich von den Eltern, die Kinder ziehen die Mutter dem Vater nicht vor und der Ehepartner wird gleich mitgeliebt, als sei er ein ebenso erquicklicher kleiner Hosenscheißer wie die Kinder.
In der Praxis wird diese Liebe in der Regel weder ausdifferenziert noch hinterfragt. (Die alten Griechen hatten für Liebe noch mehrere Begriffe und hatten auch kein Patchwork-Problem.)

Sie ist allerdings auch in der Theorie kaum sinnvoll gegeneinander aufzurechnen. Überwiegt die sexuell aufgeladene Liebe zum Partner die viel weniger auf Gegenseitigkeit ausgerichtete Liebe zum Kind oder ist das genetisch näherstehende Kind einem zwangsläufig näher als der Miterzeuger? Wer wollte das allgemeingültig beantworten?

Nun beantwortet Ihr Mann diese Frage allerdings und begeht damit einen Tabubruch. Tabus sollte man, wenn man nicht gerade Charlotte Roche ist, lieber nicht brechen, denn sonst droht Gram und Ungemach.

Aber ist Ihr Mann nicht auch entschuldigt? Schließlich liefert er den Grund gleich mit – er selbst ist in der Liebeshierarchie nach Unten durchgereicht worden, als es eine neue Frau für seinen Vater gab, eine echte Hänsel-und-Gretel-Situation also und um diesen Schrecken für seine Kinder zu verhindern, versichert er ihnen, an erster Stelle zu stehen – was man, wenn man wohlmeinend sein will, auch so verstehen kann: Er weiß, dass Sie erwachsen sind und glaubt, Sie bräuchten keine Lippenbekenntnisse.
Wenn Sie allerdings Ihrerseits denken, die Kinder müssten Vergangenheit sein, dann irren Sie. Kinder sind immer Gegenwart, Ihr Mann immer Vater.

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Ein Gedanke zu “Warum muss ich an zweiter Stelle stehen?

  1. Hallo Barbara,

    hättest Du Kinder, wären die für Dich auch nie Vergangenheit und so sollte es für den Vater ja eigentlich auch sein, oder?

    Letztendlich habe ich ein ähnliches Problem und verstehe Dich deswegen sehr sehr gut:
    http://maltewelding.berliner-zeitung.de/2015/09/04/ich-habe-meinen-freund-nie-allein-fuer-mich/

    Und es ist schon so wie Malte schreibt: Es/Er wird sich nicht ändern und Du musst für Dich entscheiden, ob Du das mittragen kannst oder eben nicht.

    Vielleicht wäre es für ihn besser, sich eine Frau mit Kind/ern zu suchen und für Dich, einen Mann ohne Kinder. Dann wären beide Seiten eher im Gleichgewicht. Leichter gesagt als getan, ich weiß.

    Ich wünsche Dir alles Gute!
    Jessica

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