Warum kann ich meine Sex-Beziehung nicht genießen?

Anfang des Jahres lernte ich, gerade frisch getrennt, einen Mann kennen, der eine Freundin hat. Diese wohnt allerdings in einer anderen Stadt und er war wohl einsam. Bald hatten wir einen Deal: er tröstet mich über meinen Liebeskummer und ich ihn während der Woche über die Abwesenheit seiner Freundin hinweg. Wir sind beide sehr sportlich (seine Freundin wohl nicht) und so machten wir Radtouren, spielten Tennis und die Nächte dehnten sich manchmal bis in den Mittag. Auf Arbeit waren wir Kollegen, wenn wir jemandem begegneten, den er kannte, tat er sofort, als würde er mich nicht kennen. Dann flog er zwei Wochen in den Urlaub mit seiner Freundin. Er meldete sich danach und fragte nach einem Treffen. Ich sagte nein. Aber vergessen kann ich ihn nicht.
Clara, 24 Weiterlesen

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Macht es die Menschen kaputt, einfach so miteinander zu schlafen?

Ihrem Rat vom 31. Oktober 2015 folgt die Leserin hoffentlich nicht. Die junge Frau sollte sich auf keinen Fall daran gewöhnen, nach dem Sex nicht zurückgerufen zu werden. Es macht die Menschen kaputt, dieses schnelle Aufeinandereinlassen und Wiederloslassen!

Kathi, 41

Der Soziologe Karl Lenz stellt in seinem Aufsatz „Wie Paare sexuell werden“ drei Filme gegenüber: „Montpi“ (1957), „Schulmädchenreport I“ (1970) und „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“,(2000). Montpi möchte die junge Anne-Claire, gespielt von Romy Schneider, nicht „immer nur küssen“. Aber Anne-Claire lässt sich nicht darauf ein. Zu Sex (das Wort wird nicht ausgesprochen, nur angedeutet) würde es nur kommen, wenn die Aussicht bestünde, dass die beiden heiraten. Nur 13 Jahre später unterhalten sich in Schulmädchenreport zwei 15jährige Mädchen über den ersten Sex. Lilo ist zögerlich, sie hält das erste Mal für den „Höhepunkt im Leben einer Frau“, worauf Irm lacht und sagt, das sei „Gänseblümchenromantik“. Man komme „nicht über die Liebe zum Sex, sondern über den Sex zur Liebe“.
Noch einmal 3 Jahrzehnte später hält Bridget eine Begegnung mit ihrem Chef Mark „eindeutig“ für „eine Gelegenheit für ein kleines Höschen.“ Lenz fragt sich, ob sich in diesem Beispiel ein neues Muster andeute, demzufolge „Sexualität als ein fest erwartbares Element an den Anfang einer Beziehungsgeschichte“ rücke. Er zitiert den französischen Soziologen Jean Claude Kaufmann, der von einer „Autonomisierung des Sexuellen“ spricht und der glaubt, entscheidend sei heute nicht der Sex, sondern der „Morgen danach“. Folge dem Sex ein „böses Erwachen“, dann sei die Geschichte hier zu Ende, im Falle eines „Morgens voller Zauber“ eröffne sich die Möglichkeit einer „dauerhaften Beziehungsflugbahn“. Diese beginnt, wenn nichts Negatives geschieht. Schritt für Schritt gelangt man in eine Beziehung. Stolpert man dabei, ist es vorbei.
Es gibt Beziehungsratgeber, die modernen Frauen raten, es so zu halten wie Anne-Claire. Samantha aus „Sex and the City“ dagegen möchte Sex haben „wie ein Mann“, folgt also der Autonomisierung des Sexuellen.
Will man zurück in die 50er? Wenn man gerade mal wieder am falschen Ende eines „bösen Erwachens“ saß, bestimmt. Aber wie böse musste das Erwachen erst sein, wenn der „Morgen danach“ der Morgen nach der Hochzeitsnacht war?
Es gibt kein Modell, das Glück garantiert. Nicht das Aufsparen, nicht das Sich-Wegwerfen; Vorsicht, Hingabe, alles kann scheitern. Es hilft jedoch zu wissen, was heute üblich ist.

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