Macht es die Menschen kaputt, einfach so miteinander zu schlafen?

Ihrem Rat vom 31. Oktober 2015 folgt die Leserin hoffentlich nicht. Die junge Frau sollte sich auf keinen Fall daran gewöhnen, nach dem Sex nicht zurückgerufen zu werden. Es macht die Menschen kaputt, dieses schnelle Aufeinandereinlassen und Wiederloslassen!

Kathi, 41

Der Soziologe Karl Lenz stellt in seinem Aufsatz „Wie Paare sexuell werden“ drei Filme gegenüber: „Montpi“ (1957), „Schulmädchenreport I“ (1970) und „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“,(2000). Montpi möchte die junge Anne-Claire, gespielt von Romy Schneider, nicht „immer nur küssen“. Aber Anne-Claire lässt sich nicht darauf ein. Zu Sex (das Wort wird nicht ausgesprochen, nur angedeutet) würde es nur kommen, wenn die Aussicht bestünde, dass die beiden heiraten. Nur 13 Jahre später unterhalten sich in Schulmädchenreport zwei 15jährige Mädchen über den ersten Sex. Lilo ist zögerlich, sie hält das erste Mal für den „Höhepunkt im Leben einer Frau“, worauf Irm lacht und sagt, das sei „Gänseblümchenromantik“. Man komme „nicht über die Liebe zum Sex, sondern über den Sex zur Liebe“.
Noch einmal 3 Jahrzehnte später hält Bridget eine Begegnung mit ihrem Chef Mark „eindeutig“ für „eine Gelegenheit für ein kleines Höschen.“ Lenz fragt sich, ob sich in diesem Beispiel ein neues Muster andeute, demzufolge „Sexualität als ein fest erwartbares Element an den Anfang einer Beziehungsgeschichte“ rücke. Er zitiert den französischen Soziologen Jean Claude Kaufmann, der von einer „Autonomisierung des Sexuellen“ spricht und der glaubt, entscheidend sei heute nicht der Sex, sondern der „Morgen danach“. Folge dem Sex ein „böses Erwachen“, dann sei die Geschichte hier zu Ende, im Falle eines „Morgens voller Zauber“ eröffne sich die Möglichkeit einer „dauerhaften Beziehungsflugbahn“. Diese beginnt, wenn nichts Negatives geschieht. Schritt für Schritt gelangt man in eine Beziehung. Stolpert man dabei, ist es vorbei.
Es gibt Beziehungsratgeber, die modernen Frauen raten, es so zu halten wie Anne-Claire. Samantha aus „Sex and the City“ dagegen möchte Sex haben „wie ein Mann“, folgt also der Autonomisierung des Sexuellen.
Will man zurück in die 50er? Wenn man gerade mal wieder am falschen Ende eines „bösen Erwachens“ saß, bestimmt. Aber wie böse musste das Erwachen erst sein, wenn der „Morgen danach“ der Morgen nach der Hochzeitsnacht war?
Es gibt kein Modell, das Glück garantiert. Nicht das Aufsparen, nicht das Sich-Wegwerfen; Vorsicht, Hingabe, alles kann scheitern. Es hilft jedoch zu wissen, was heute üblich ist.

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2 Gedanken zu “Macht es die Menschen kaputt, einfach so miteinander zu schlafen?

  1. Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Sex haben“ und „Liebe machen“. Wobei erstes zwar toll ist, aber zweiteres um Längen wunderbarer.
    Problematisch wird es nur, wenn der eine Protagonist nur Sex haben will, und der andere es für Liebe machen hält. (Döner schmeckt gut und macht satt, Sterneküche sättigt nicht nur, sondern beflügelt auch).

  2. „This is hip, pretty baby, messed around and fell in love“ – das sang der große Blueser John Lee Hooker. Und zwar schon im Jahr 1963.

    Aber mal ehrlich, bleiben diese Fragen nicht eher graue Theorie? Die meisten Leute haben weniger Sex als die Charaktere im Tatort. Und sind dafür aber auch weniger oft tot. Was heute üblich ist? Üblich ist, dass wir glauben, dass alle dauernd gefühlsechten Supersex mit wechselnden Affären hätten, oder eben in langjährigen glücklichen Beziehungen sind, in denen es außerdem auch in der Mitte Funken sprüht. Glauben wir. Und die Realität? …

    Heute morgen habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn man bei YouPorn ein Katzenvideo hochladen würde.

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