Warum kann ich meine Sex-Beziehung nicht genießen?

Anfang des Jahres lernte ich, gerade frisch getrennt, einen Mann kennen, der eine Freundin hat. Diese wohnt allerdings in einer anderen Stadt und er war wohl einsam. Bald hatten wir einen Deal: er tröstet mich über meinen Liebeskummer und ich ihn während der Woche über die Abwesenheit seiner Freundin hinweg. Wir sind beide sehr sportlich (seine Freundin wohl nicht) und so machten wir Radtouren, spielten Tennis und die Nächte dehnten sich manchmal bis in den Mittag. Auf Arbeit waren wir Kollegen, wenn wir jemandem begegneten, den er kannte, tat er sofort, als würde er mich nicht kennen. Dann flog er zwei Wochen in den Urlaub mit seiner Freundin. Er meldete sich danach und fragte nach einem Treffen. Ich sagte nein. Aber vergessen kann ich ihn nicht.
Clara, 24

Sie hatten da doch eigentlich etwas ganz Wunderbares. Tagsüber gemeinsamen Radsport, nachts gemeinsamen Sexualsport, das ist sehr erfreulich und lebensbejahend. Warum hat das nicht dauerhaft geklappt?

Milan Kundera, dem man zutrauen kann, sich in solchen Angelegenheiten auszukennen, ließ seinen epischen Liebhaber Tomas in „Die unendliche Leichtigkeit des Seins“ die „Dreierregel“ befolgen. Diese besagte: „Entweder sieht man eine Frau in kurzen Abständen, aber dann nicht öfter als dreimal, oder man verkehrt jahrelang mit ihr, dann allerdings nur unter der Bedingung, dass mindestens drei Wochen zwischen den Verabredungen liegen.“ Was ist der Grund für diese Einschränkung?
Sex ist relativ schnell auserzählt. Selbst wenn man einige Perversionen einstreut, kann man das Drehbuch bald im Schlaf anwenden. Der Mensch hat einen Entwicklungssinn: Er kann nicht stehenbleiben. Nun mag Sex wie das Gegenteil von Stehenbleiben klingen, aber tatsächlich ist er im Grunde immer gleich. Nur wenn die Verbindung zwischen den beiden Betreibenden wächst, kann regelmäßiger Sex wirklich genossen werden.
Aber die Verbindung zwischen Ihnen und Ihrem Sportpartner kann nicht wachsen. Er hat dem Wachstum von Anfang an einen Riegel vorgeschoben. Er ist in einer Beziehung, er wird in dieser Beziehung bleiben, er wird niemals mit Ihnen in den Urlaub fahren, Sie seinen Eltern vorstellen, mit Ihnen Kinder in die Welt setzen und gemeinsam Grabsteine aussuchen.
Wenn Sie das wirklich akzeptieren können und die regelmäßige Vereinigung Ihrer Geschlechtsorgane für Sie nicht nur Mittel zum Zweck ist, sich doch eine Beziehung zu erschleichen, dann bliebe möglicherweise Kunderas Dreierregel.
Und wenigstens die Illusion von etwas Neuem.

Post to Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.