Ich habe ständig davor Angst, dass mein Freund stirbt

Seit fast sieben Jahren sind mein Freund und ich ein Paar. Er ist die Liebe meines Lebens, mein bester Freund, mein Seelenverwandter. Ohne ihn will ich nicht mehr sein. Und das ist mein Problem: Jeden Tag drängt sich eine Frage in mein Gehirn: Was mache ich, wenn er stirbt? Dieser Gedanke lässt mich nicht mehr los. Jeden Tag. Sie werden sagen, man soll jeden Moment genießen. Doch wie kann man das, wenn man diese Hintergedanken hat?
Malaika, 28

Am 9. Juli 1778 schrieb Wolfgang Amadeus Mozart seinem Vater vom Tod seiner Mutter, die ihn besucht hatte. In drei Sachen fand Mozart Trost: „durch meine gänzliche vertrauensvolle ergebung in willen gottes“, zweitens „indemm ich mir vorstellte, wie sie nun in einen augenblick so glücklich wird“ und schließlich drittens, „daß sie nicht auf ewig für uns verlohren ist“.
Weiter schrieb Mozart: „Nun, der göttliche, allerheiligste willen ist vollbracht – (…) schreiten wir zu anderen sachen, es hat alles seine Zeit.“ Und Mozart schreitet weiter, schreibt Seite um Seite über belanglose Begebenheiten. Gott hat gewaltet. Das Leben geht voran. Wie gut hat einst der tiefe Glaube geholfen, mit Trauer umzugehen. An diesem Trost können heute nur noch wenige teilhaben. Michel Houellebecq glaubt daher, unsere modernen atheistischen Gesellschaften seien nicht lebensfähig, das spüre er jedes mal, wenn er auf eine Beerdigung gehe.
Der amerikanische Kulturanthropologe Ernest Becker sprach in „The Denial of Death“ von Unsterblichkeitsprojekten, an denen Menschen seit jeher teilgenommen hätten, um die Angst vor dem Tod zu bannen. Auch er diagnostizierte, der Glaube, Teil von etwas ewigem zu sein, sei verblasst.
Dem Menschen bleibt nur noch eins, um mit seinem unglücklichen Verstand, der ihn sehen lässt, dass alles, was er liebt, irgendwann nicht mehr sein wird, aber nicht weise genug ist, damit zurecht zu kommen, zurande zu kommen: Ich denke an den sanften Schleier des „Ach, nicht heute, vielleicht nie“, den das gesunde Gehirn auch heute noch über die Gegenwart legt. Bei manchen mentalen Störungen, etwa der Depression, ist dieser Schleier rissig und man kann nichts anderes sehen als das ganze Bild: Was ich heute liebe, was mich heute anlacht, ist eigentlich schon tot, wenigstens so gut wie. Jede Freude ist falsch und vertan im Angesicht der Ewigkeit des Todes.
Der Tod: Immer überraschend, immer zu früh, es gibt nur eine Rüstung: Niemals im Streit auseinander gehen, immer seine Liebe zeigen. Der letzte Gedanke soll nicht sein „Ach, hätte ich doch.“

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2 Gedanken zu “Ich habe ständig davor Angst, dass mein Freund stirbt

  1. Chapeau, Herr Welding …. eine der besten Antworten, die ich von Ihnen las. Das , und ähnlich treffende, tiefe und humorvolle Gedanken könnten mich glatt bewegen, Ihnen mein Leid zu klagen.
    Aber ich weiß ja, dass ich es selbst weiß, weil ich mich selbst am besten kenne. Zwar gibt es universelle Themen, individuell gesehen ist , denke ich, jeder an einer anderen Stelle seiner Entwicklung. Deshalb weiß nur jeder selbst, was die nächste Herausforderung, die zu tun oder zu lassen ist, darstellt. Sei es ohne Vorurteil zu sein, einen mutigen Schritt zu tun, seinen Hass zu läutern oder zu vergeben. Manchmal ist der Blick nach innen ja auch Ihre Empfehlung – ein Qualitätsmerkmal ! Mögen Sie weiterhin Licht ins Dunkel bringen.
    Mit herzlichem Gruß

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