Muss ich für die Liebe alles aufgeben?

Meine Freundin und ich sind seit einem guten halben Jahr ein richtiges Paar. Für die nahe Zukunft können wir uns ein gemeinsames Leben vorstellen. Dafür müsste ich jedoch mein
selbstbestimmtes Landleben aufgeben, was immer mein Lebenstraum war. Sie ist durch Job und Kind an die Stadt gebunden. Nun habe ich einige Wochen über diese, meine bevorstehende Entscheidung alles aufzugeben nachgedacht. Dieses Nachdenken wurde so interpretiert, dass ich nicht wirklich bereit sei einen bedingungslosen Neuanfang zu wagen. Sie hat die Beziehung nun beendet. Muss man wirklich für die (große) Liebe alles aufgeben?

Matthias, 53

Nachdem ich Ihre Nachricht gelesen hatte, musste ich sie gleich noch einmal lesen, um sicher zu gehen, dass es um eine Liebesbeziehung geht und nicht um einen Aufnahmeantrag in einem Todeskult. „Bedingungsloser Neuanfang“, das Nachdenken wurde als Zweifel interpretiert – man hat regelrecht vor Augen, wie sie am Telefon den bedingungslosen Neuanfang einfordert und vorformuliert, während Sie die Sonnenblumen anschauen und fragen, ob es das bisschen Zuneigung wirklich wert ist. Liebe, obwohl sie oft mit großen Worten daher kommt, ist ein meist von Freundlichkeit gekennzeichnetes Abwartespiel. Ich etwa habe elf Jahre darauf gewartet, dass meine Frau mich freiwillig versorgt, wenn ich fiebernd im Bett liege, und zwar ohne dass ich sie anflehe, wobei meine beinahe ersterbende Stimme kaum noch zu ihr vordringt, ich habe getobt deswegen, habe versucht ihr zu erklären, dass ein Kranker Güte und menschliche Wärme braucht und tatsächlich: schon ein gutes Jahrzehnt später ziehe ich mich hustend in mein Bett zurück und wenige Stunden darauf klopft meine Frau an der Tür und hat auf einmal ein Rührei für mich zubereitet. Ich habe sie natürlich angepflaumt, sie solle nicht einfach so hereindonnern, aber so sieht das Glück aus im 12. Jahr: Es gibt noch Fortschritte.
Nun scheint bei Ihnen die Zeit zu drängen, Raum für Kompromisse ist nicht mehr vorhanden. Weder will das Kind am Wochenende auf das Land noch die Frau ihre allabendlichen geschlechtlichen Bedürfnisse bei Skype ausleben. Sie können Ihre Kühe dem Anschein nach nicht verleihen und nun stehen Sie da wie zwei biblische Gestalten, die nur noch ewige Verdammnis oder ewiges Licht kennen.
Ich rate zu einem Trick: Stellen Sie in Aussicht, Ihren Traum zu ändern. Aber auch das braucht Zeit, ein Käufer muss her und so weiter. In dieser Zeit entdramatisiert sich die Lage hoffentlich, Jahreswechsel machen die Leute manchmal ganz verrückt.

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Ein Gedanke zu “Muss ich für die Liebe alles aufgeben?

  1. Die Aussage „wurde so interpretiert“ lässt mich annehmen, es fehlte an direkter Kommunikation zum Thema. Wurde die Dame in Ihren Nachdenkprozess nicht eingebunden? Das kann vll. verunsichern…

    Ansonsten: Man sympathisiert und solidarisiert sich ja gern mit dem der schreibt, kennt aber die andere Version der Geschichte nicht. Meistens haben beide ein bisschen recht und wenn die Dinge einem wichtig genug sind, findet man einen Platz, an dem man sich treffen kann.

    Wenn ich nur Ihre Version lese und mich in die Situation versetze, denke ich:
    Nein, keinen bedingungslosen Neuanfang, für jemanden der selbst gedanklich in der Komfortzone bleibt und so vehement die Aufgabe von Lebensträumen einfordert – nach einem halben Jahr Partnerschaft. Würde für mich nicht passen.

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