Ich habe Angst davor, verheiratet zu sein

Ich stehe kurz vor meiner Hochzeit und ich habe Momente, in denen mich die Panik ergreift. Ist jetzt nicht tatsächlich mein Weg bis zum Friedhof vorgezeichnet? Nie wieder frisch verliebt, nie wieder etwas Neues, nie wieder ein erstes Mal?

Thomas, 36

In Karl Ove Knausgårds autobiographischem Roman „Leben“ erzählt der Schriftsteller, dass er mit 18 wusste, wo der Wert des Lebens lag. Nicht an einer Universität; er wollte „durch Europa reisen, an Stränden schlafen“ (…) im Hotel Teller waschen, Schiffe löschen oder beladen, Apfelsinen pflücken“. Es ist ganz klar, nicht wahr? Hier ist das vorgegebene Leben in einer Institution und dort das wahre pralle Leben, ausgekostet in seiner ganzen Intensität.
Die Sache hat nur einen Haken: Was Knausgård da sein 18jähriges Selbst träumen lässt, das sind Trailermomente, ein Best of. Apfelsinenpflücken als Momentaufnahme wirkt naturverbunden, man kann die Sonne förmlich auf seinen Schultern brennen spüren – aber haben Sie schon einmal drei Monate am Stück Apfelsinen gepflückt? Sie reisen ja nicht in ein apfelsinenexportierendes Land, steuern auf einen Baum zu und pflücken eine Apfelsine. Nein, Sie warten bei sengender Hitze auf den Bus, haben bald vom Pflücken Blasen an den Fingern, Ihre Mitpflücker sprechen Ihre Sprache nicht und bald stellen Sie fest, dass Apfelsinen sich immer gleich pflücken lassen – es verändert sich absolut nichts! Jeder Tag ist wie der andere, Ihr Leben ist das des Sisyphos: Obwohl Ihr Eimer voller Apfelsinen ist, steht schon wieder ein voller Baum vor Ihnen.
Auch Ihre Vorstellung vom anderen, nicht verheirateten Leben besteht aus Trailermomenten. Ja, Sex mit einem neuen Menschen ist großartig, aber vor den Sex haben die Götter das erste Date gesetzt. Sie sitzen da also und warten, weil die Neue eine chronische Verspäterin ist, man darf hier nicht rauchen oder muss und dann kommt sie und riecht wie Ihre Mutter, obwohl Sie sicher waren, dass dieses Parfum nicht mehr hergestellt wird. Sie hören sich an, was sie zu sagen hat, weil irgendwo in der Ferne Sex winkt, und schließlich sind Sie endlich nackt, aber sie macht Geräusche wie Ihr Vater beim Tennis.
Und das wiederholt sich so oft, bis Sie endlich jemanden finden, mit dem Sie es aushalten. Den Sie heiraten wollen.

Das Leben ist letztlich immer langsam, weil eben der Mensch ein langsames Lebewesen ist. Wer wird schon so alt wie wir? Elefanten, Riesenschildkröten und Blauwale. Leben die ein aufregendes Leben?

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3 Gedanken zu “Ich habe Angst davor, verheiratet zu sein

  1. Alle Lust will Ewigkeit. Wird aber dadurch nicht besser, dass man heiratet. Ich rate ab. Habe den Fehler auch einmal gemacht.

  2. „Trailermomente“… genialer Begriff, werde ich mir merken.
    Überhaupt finde ich diesen Ihren Blog immer sehr gescheit, auch wenn’s nicht mein Problem ist.

  3. …oja, Sex und Lusterleben sind vergänglich… aber für liebende Gebundene mit anderen, neuen Partnern auch in ihrer Vergänglichkeit immer wieder seeehr beglückend… nur vernünftig, wer sich dies verwehrt… aber eben NUR vernünftig…

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