Mein Freund will nicht mit mir zusammenziehen

Ich bin seit 10 Jahren mit einem Mann zusammen. Die Beziehung ist harmonisch und glücklich- böse Zungen sagen, sie sei ohne Höhen oder Tiefen.
Ein Problem allerdings gibt es: Er will niemals zusammen ziehen, von heiraten ganz zu schweigen. Anfangs dachte ich, es läge an mir, mittlerweile weiß ich, dass dem nicht so ist. Nun habe ich einen anderen kennengelernt, mit dem die gemeinsame Zeit unbeschreiblich schön ist.

Soll ich einen geliebten Menschen verletzen und mich wieder in die Unsicherheit begeben oder soll ich weiterhin akzeptieren, dass das Leben nun mal mit Kompromissen gepflastert ist?

Oliver, 39

Der Psychotherapeut Wolfgang Hegener schrieb einmal, Homosexuelle hätten in geradezu reiner Form einen nicht mehr ehe-, familien-, oder kinderbehinderten Lebensstil, der zunehmend allgemeine Verbindlichkeit erlangt.“ Mir war immer Ralf König mit folgendem Satz näher: „Entwicklungsgeschichtlich stammt der Homosexuelle vom Hetero ab.“
Auch wenn statistisch gesehen dauerhafte Beziehungen unter schwulen Männern seltener sind als unter ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossen, erzählen solche Statistiken wie immer auch eine ganze Menge nicht, und so habe ich bei schwulen Freunden ganz ähnliche Sehnsüchte nach Dauerhaftigkeit erlebt wie bei allen anderen.
Je älter ich werde, desto mehr erlebe ich, dass eine tiefe Befriedigung dadurch entsteht, etwas heranwachsen zu sehen. Nun bleibt den meisten schwulen Paaren der Weg zu eigenen Kindern verbaut, aber gemeinsame Hobbys, Weitergabe von Wissen und eben auch der Aufbau eines gemeinsamen Heims sind Wege, diese Befriedigung anderweitig zu erleben.
Sie haben nun dieses Bedürfnis, aber es läuft ins Leere.
Woody Allen hat mit Mia Farrow in den 12 Jahren ihrer Beziehung nie zusammen gelebt und die beiden haben auch nie geheiratet. Alles sprach dafür, dass Allen eben so war: Ein Einzelgänger, der Abgeschiedenheit selbst in der Beziehung eben brauchte. Nachdem er mit Farrows Adoptivtochter Soon-Yi zusammenkam, konnte davon keine Rede mehr sein. Er heiratete Soon-Yi und ist seit 23 Jahren mit ihr zusammen – wenn mich nicht alles täuscht, in einer gemeinsamen Wohnung.
Nun sagen Sie, Sie wüssten, dass es nicht an Ihnen liegt: Aber kann sich Ihr Freund so gut kennen? Hätte Woody Allen vor 23 Jahren nicht auch gesagt: Ich brauche das alles nicht nur nicht, ich kann es auch gar nicht?
Aus meiner Sicht ist die Unmöglichkeit eines wirklich gemeinsamen Lebens, das so ist, wie man sich es wünscht, nichts, was unter Kompromiss fällt. Sondern unter Selbstverleugnung.

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2 Gedanken zu “Mein Freund will nicht mit mir zusammenziehen

  1. Es wäre doch sehr interessant zu wissen, woher das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Leben in einer gemeinsamen Wohnung kommt. Welche tiefe Sehnsucht wäre damit erfüllt? Ist es die permanente Verfügbarkeit des Partners? Ist es das Teilen des Alltags? Ist es ein grundlegendes Bedürfnis nach menschlicher Nähe?

    Ich glaube nicht, dass eine Zweierbeziehung automatisch bedeuten muss, dass man gemeinsam lebt. Es wäre doch genauso eine Option über eine Öffnung der Beziehung zu sprechen und mit dem neuen, spannenden Partner „Haus und Hof“ zu teilen, ohne die intensive Vertrauensbeziehung zum (dann Ex-)Partner aufzugeben. Genauso könnten viele Bedürfnisse sicher auch in einem Gemeinschafts-Wohnen befriedigt werden. Vielleicht wären auch Wohnungen in räumlicher Nähe eine Idee, ohne, dass man tatsächlich privaten Raum permanent teilt.

    Ein Kompromiss heißt nicht, dass man auf etwas verzichtet, um es dem anderen recht zu machen. Es bedeutet eine Lösung zu finden, die für beide gangbar ist. Und wenn man außerhalb konservativer Normen denkt, gibt es oft mehr Lösungen als man ahnt.

  2. Du schreibst:“Es wäre doch sehr interessant zu wissen, woher das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Leben in einer gemeinsamen Wohnung kommt. Welche tiefe Sehnsucht wäre damit erfüllt? Ist es die permanente Verfügbarkeit des Partners? Ist es das Teilen des Alltags? Ist es ein grundlegendes Bedürfnis nach menschlicher Nähe? “
    meine Antwort ist einfach:keines von alledem,ich meine,wenn einem bewußt ist wie kurz das Leben ist und wie wertvoll es ist,wenn man jemanden gefunden hat,den man liebt und der einen auch liebt,finde ich,ist jede Zeit,die man nicht zusammenverbringt verlorene Zeit…das kann jetzt sicher nur jemand verstehen,der auch sehr verliebt ist und sehr liebt.Vor einem Jahr noch hätte ich genauso gefragt wie Du,jetzt nicht mehr.LG

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