Warum wird bei einer Trennung keine Rücksicht auf die Kinder genommen?

In meinem Umfeld gab es 2015 mehrere dramatische Trennungen. Bisher unauffällige, durchschnittlich intelligente Mitteleuropäer verwandelten sich in egozentrische Psychopathen, offenkundig mit nur einem Ziel: dem anderen so viel Leid und Qual zuzufügen wie nur möglich und dabei ohne Skrupel die eigenen Kinder zu instrumentalisieren – und damit zu traumatisieren.
Wie kann das sein?

Dirk, 35

Es wird den wenigsten darum gehen, dem anderen soviel Leid wie möglich zuzufügen. Die Motivation ist eine andere: Vater und Mutter lieben ihre Kinder. Und wer überlässt seine Kinder schon gern jemandem, den man für menschlich inkompetent hält?
In einem guten Film ist der Bösewicht jemand, der in seiner eigenen Geschichte der Held ist. Nur ganz wenige Menschen sind entschlossen böse. Die meisten sind der Erzählung ihres Lebens zufolge im Recht. „Der Typ hat mich mit seiner Sekretärin betrogen, interessiert sich nur für Motorsport und jetzt sollen meine Kinder bei dem das Wochenende verbringen?“
In der Erziehung meiner Kinder mache ich jeden Tag Fehler, die Psychoanalytiker in den kommenden Jahrzehnten werden ausbaden können, Fehler, die meine Frau mir leichterhand verzeiht, weil sie von meinem guten Willen überzeugt ist und ich bei ihr einen Sympathiebonus besitze.
Aber wir haben nicht identische Erziehungsprinzipien, oft sind unsere Erziehungsprinzipien nicht einmal mit unseren jeweils eigenen über den Verlauf einiger Wochen identisch, was damit zu tun hat, dass wir an manchen Tagen müder, schlechter gelaunt oder weniger hungrig sind, gerade etwas verstanden oder einen Grundsatz vergessen haben, im Grunde also, weil wir keine Pädagogikroboter sind, sondern ganz handelsübliche Vollidioten oder ganz einfach: Eltern.
Aber nun trennt man sich ja meistens nicht, weil alles so wunderbar gelaufen ist und plötzlich wird die Inkonsequenz des anderen zu einer nicht-tolerablen Fehlleistung.
Ich bekomme Streitigkeiten mit bei geschiedenen Paaren, die allesamt aus einem der verheerendsten aller Motive entstanden sind. Dem Wunsch, alles richtig zu machen. Denn genau das ist es, was der der geschiedene Vater will, der darauf beharrt, in den zwei Tagen, die er innerhalb von zwei Wochen mit seinen Kindern hat, alle Erziehungsfehler seiner ehebrecherischen Frau auszumerzen.
Vielleicht hilft ein Gedanke: Der andere mag eine Ansammlung schlechter Eigenschaften sein und außerdem noch Altersmundgeruch entwickelt haben: Aber er war daran beteiligt, das beste hervorzubringen, was man kennt. Dafür gebührt ihm ein Vertrauensvorschuss. Obwohl er stinkt.

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2 Gedanken zu “Warum wird bei einer Trennung keine Rücksicht auf die Kinder genommen?

  1. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt sicher auch die Regelung zum Kindesunterhalt. Wenn das Kind bei der Mutter wohnt und versorgt wird (= Naturalunterhalt), muss der Vater im Gegenzug Barunterhalt zahlen – und umgekehrt! Daneben gibt es zwar auch Regelungen zum Ausgleich, aber die können ebenfalls Gegenstand von Streit sein. Die Frage, wo der Nachwuchs künftig lebt ist – neben der Liebe zum Kind – also auch existenziell bedeutsam.

  2. Aus eigenem Erleben nur kurz so viel:
    schlimm wird es/ist es für das Kind, wenn der wichtigste Mensch, noch während die Familie zusammen war, für eines, oder beide Eltern, sie selbst waren.
    Dann schmilzt das Kindeswohl ganz schnell wie Eis im Sommer…
    Da hilft ein Therapeut, nur das tun die Eltern dann nicht, weil sie ja denken, sie wollen/können die Beziehung sowieso nicht retten. Und wieder schlägt die Narzissmus-Fall zu…

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